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Bildung zur Vernunft – Manifest des VSV

Fit für die Digitalisierung? Auf der Höhe der Künstlichen Intelligenz? Im Ranking ganz vorne? Die Schweizer Bildungspolitik hat sich in den digitalen Werkplatz vernarrt.
Mehr und mehr reduziert sie das Individuum auf eine Funktion von technischem Fortschritt, globalem Wettbewerb und Wohlstandserzeugung. Dagegen treten die Volkshochschulen (VHS) mit Aufklärung, Kultur und Wissenschaft an. Für Bildung der Persönlichkeit anstelle von Ausbildung zur Nützlichkeit. Für ein menschliches Mass.
Der Nutzen regiert. Binnen vierzig Jahren haben sich die Prämissen von Bildungs- und Kulturpolitik radikal gewandelt. Kämpften die 70er Jahre noch für die Freiheit von Forschung und Kunst, für Bildung als Emanzipation, so dominieren heute politische Renditeüberlegungen. Standortwettbewerb, individuelle Optimierung, Arbeitsmarktkompatibilität, digitale Kompetenz und Künstliche Intelligenz sind die neuen Gebote einer utilitaristischen Bildungspolitik, die sich seit der Jahrtausendwende ausformuliert und in Weiterbildungsgesetzen auf kantonaler wie Bundesebene ihren Ausdruck findet. Aus Bildung als Möglichkeit zur Veränderung ist Ausbildung als Mittel der Anpassung geworden. Während die Hochschulen das Mantra der weltweiten Rankings beschwören, quälen sich die Abgehängten durch Kurse in Grundkompetenzen, um wirtschaftlich anschlussfähig zu werden, die Bildungsbeflissenen hingegen durch Pilates-Workshops und Rhetorikseminare, um dem Imperativ der Selbstoptimierung zu gehorchen.

Nichts dagegen, wenn es darum geht, die Grundlagen des Wohlstands zu erhalten. Doch es scheint, Bildungspolitik verenge sich mit wachsendem Tempo auf die Nützlichkeitsdimension. Wir lernen, um zu funktionieren. Wir leben, um den Maschinen zur Hand zu gehen. Da haben die VHS mit dem gemächlichen Tempo, mit dem Hang zur Analogie, mit der Betonung des Lernens als Austausch keinen Platz mehr.
Doch ein solches Leben ist nur das halbe Leben. Die Aufklärung hat den Menschen im 18. Jahrhundert von der Herrschaft der Herkunft und aus dem Gefängnis des Glaubens befreit. Sie hat ihn ins Recht gesetzt, sich selbst Zweck genug zu sein und die eigene Persönlichkeit als Projekt zu sehen, an dem er frei arbeiten kann, ein Leben lang. Ohne diese Erfindung des Individuums, seine Befreiung aus der Vorsehung hin zum selbstbestimmten Leben, hätte sich der moderne Kapitalismus mit seiner unglaublichen Innovationskraft nie entwickelt. Heute befeuert die Politik, auf Wohlstand und Messbarkeit fixiert, den Wettbewerb in allen Bereichen, in der Kultur, in der Bildung, in der Gesundheit. Dabei meinte Friedrich Schiller in seinen «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen» etwas anderes. Mit «Sapere aude» – «Wage, zu wissen!» beschrieb er eine Aufklärung des Verstandes, die danach bewertet wird, wie sie den Charakter und die Gemeinschaft formt. Für Immanuel Kant ruhte die Unmündigkeit des unaufgeklärten Menschen auf dessen Verzagtheit, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Weshalb es gelte, die Persönlichkeit zu stärken, auf dass sie Wissen wage.

Alles Geschichte. Die Ökonomie verdrängt die Geisteswissenschaften, jene Wissenschaft also, welche die reflexiven Fähigkeiten des Individuums fördert. Deshalb braucht die Herrschaft der technischen Nützlichkeit ein Korrektiv: eine Bildung, die (wieder) den ganzen Menschen in den Blick nimmt und Kopf und Herz,  Verstand und Charakter zusammendenkt. Eine Bildung, die im alten Sinne humanistisch, im modernen Sinne fundamental ist, indem sie dem Menschen Werkzeuge in die Hand gibt, die ihm ermöglichen, sich, seine Umgebung, die Gesellschaft, die globalen Mechanismen zu verstehen. Denn nur so kann er sich gegen Manipulation und Benachteiligung wehren, kann er zu vernünftigen Entscheiden beitragen und seine Rolle als Bürger spielen. Nicht Big Data, sondern scharfer Sinn ist sein wichtigstes Werkzeug. Scharfen Sinn schult er an Kultur und Wissenschaft, an Gegenständen, die die Geschichte des Erkennens
bereits in sich tragen.

Das meint Volkshochschule:
– Lernen, um zu wissen.
– Vom Wissen zum Verstehen gelangen.
– Vergangenheit und Gegenwart zur Zukunft hin verbinden.
– Sich selbst entfalten; Autonomie erlangen.
– Skepsis pflegen.
– Menschlich handeln.

Das sind Fähigkeiten, nach denen die Politiker vor den Wahlen rufen. Doch danach vergessen sie sie rasch. Das muss ändern. Wir fordern deshalb:
– Eine Bildungspolitik, die die wissenschaftliche und kulturelle Allgemeinbildung als Kern jeder Bildung anerkennt und fördert.
– Eine Bildungspolitik, die Mass nimmt am Menschen statt an der Technik.
– Eine Bildungspolitik, die die Freiheit des Einzelnen stärkt und ihn zum souveränen Urteilen befähigt.

Eine solche neue Bildungspolitik muss sich in Verfassung und Gesetzen niederschlagen. Sie muss unabhängige Anbieter willkommen heissen und unterstützen. Es ist eine Bildungspolitik ohne Strategie. Modelle und Angebote entsprechen keiner systematischen programmatischen Vision, die in Zwänge mündet, sondern entstehen aus der Interaktion von Anbietern und Publikum. Nur so bewahrt sie in sich die Freiheit, die sie verkündet.

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